Datum: 03.07.2012 | Erich Unrau; Co-Autor: Tobias Toxik Kargoll
Sie sind überall: Im angesagten Szene-Café, im städtischen Park oder auch auf diversen Hauspartys. Man ist nirgends vor ihnen sicher. Und jetzt auch in der Rap-Szene. Der Panda muss weg...
Ihr alle kennt sie, keiner bleibt verschont. Zu eng geschnittene Karohemden aus dem Second-Hand-Laden, dazu bunte Karottenjeans, die die männlichen Weichteile bis hoch an die Ohren quetschen. Dreiecke, wohin das Auge blickt. Und wenn kein Dreieck, dann ein Anker. Gerne auch mal mit Hut aus Opas Gerümpelkammer und XXL-Brille. Aber ohne Stärke natürlich, es geht ja nur um das Image. Und Brillen sind eben cool. Sagt man. Dazu trägt Mann/Frau eine Stofftasche mit frechem Aufdruck á la "I'm so hipster, I shit glitter", lässig um die Schulter gelegt. Und die Haare? Nicht identifizierbar, irgendwie eine Mischung aus Elvis und Bushido: Seiten kurz und obenrum wächst das Kraut aus allen Ecken und Enden. Auch der Schnurrbart darf natürlich nicht fehlen, denn der zeichnet einen Hipster aus. Was schon in den 70ern peinlich war, ist es jetzt erst recht, aber das wollen Hipster ja. Sie wollen sich abgrenzen vom unästhetischen Proletariat. Weil sie allen immer einen Schritt vorraus sind, grenzen sie sich von allem ab. Und weil ihr Stil inzwischen zu einem großer Teil des Mainstreams wurde, ist das schwer geworden. Genau so schwer, wie zu sagen, wer oder was Hipster ist. Up to date sein ohne eine Spur von Hipster, ist 2012 unmöglich. Aber bleiben wir beim Original.
Man hat es heutzutage nicht leicht als modebewusster Hipster: Von den Erwachsenen belächelt, von HipHoppern mit Bechern beworfen. Wie die Hühner im Stall belagern sie die Cafés der Stadt und schlürfen Latte Macchiato, um die Zeit totzuschlagen. Dabei läuft die Kamera heiß, denn Instagram braucht Futter. So werden Nahaufnahmen von allen möglichen Dingen gemacht – Prädikat künstlerisch wertvoll. Und wer sich nicht traut, sich tätowieren zu lassen, der rasiert sich einfach nicht mehr und so wuchert die Körperbehaarung aus allen Öffnungen des Matrosenunterhemds. Die Musik des Hipsters ist entweder auf gute Laune getrimmt und völlig inhaltslos (maximal ironisch) oder pathetisch, gefühlsbetont und weinerlich. Hier trifft man sich mit Emos. Es wird zu in Moll gehaltenen Akkustik-Gitarrenklängen über die Ex gejammert, vorzugsweise von Bands, die keiner kennt. Und wenn die Band dann zu bekannt wird, sucht man sich eine neue Lieblingsgruppe – Individualität wird schließlich groß geschrieben. Aber mal ganz ehrlich... Inwiefern zeigt sich denn die Individualität, wenn Hipster stärker uniformiert sind als Army Seals? Überall die gleiche Frisur, der gleiche Stil. Wie Pinguine. Vordergründig geht es um die so oft zitierte Anti-Kommerzhaltung, aber im Endeffekt hat dann doch jeder ein iPhone in der einen und die teure Marken-Spiegelreflexkamera in der anderen Hand. Und die Macher von Club Mate verdienen sich dumm und dämlich, Instagram gehört mittlerweile zu Facebook und auch das Cover des Laptops ziert ein angebissener Apfel.
Doch was hat der Steve Urkel der Neuzeit mit Rap zu tun? Ganz neu ist der Trend nicht mehr: Schon 2008 widmeten wir dem Phänomen den ersten Artikel. Die Juice spannte dieses Jahr den Bogen weit und fand schon bei Outkast und Native Tongues Hipster-Merkmale. Das, was man heute Hipster nennt, gab es damals aber noch nicht. Das, was heute den Zeitgeist prägt, begann im Rap-Bereich mit Pharrell Williams und Kanye West. Weniger harte Ansagen, mehr Kunst, viel Mode, engere Kleidung. Gerne auch etwas nerdy. So weit, so schon mal da gewesen. Neuer ist die Affinität zu Electro und Indie-Rock, die ganz spezielle Ironie, die andauernden Mond- und Weltraum-Metaphern. Rap ist heute in den USA eher hip als hart. Und der Markt boomt. Raptechnisch wird sich ganz klar vom engstirnigen Gangsterrap abgegrenzt, thematisch sind Frauen, Alkohol und Partys auf der einen und Melancholie bis hin zur Weinerlichkeit auf der anderen Seite angesagt. Lupe Fiasco, Asher Roth, The Cool Kids und auch Mac Miller haben es in den Staaten vorgemacht und wie jedes Phänomen, das dort durch die Decke geht, schwappt es nun auch langsam nach Deutschland über. Was dort Chiddy Bang sind, ist hier – wie könnte es auch anders sein? – unser aller Liebling Cro.
Mit einem Deal bei Chimperator ausgestattet und von der halben Musikindustrie gejagt, macht er sich nun auf, die Welt zu retten. Und trägt dabei eine Pandamaske, Individualität und so. Ist ja auch nicht so, dass diverse Rapper schon in der Vergangenheit damit punkten konnten. Cros Inspiration werden aber eher diverse maskierte Electro-DJs als Sido und MF Doom gewesen sein. Dasselbe gilt für Marsimoto (aka Marteria - noch ein Hipster!?). Seit seinem Sommerhit Easy, der gefühlt im Minutentakt in den deutschen Radiostationen und auf Youtube-MTViva läuft, macht das plötzlich alles Sinn. Seine Identität wird geheimgehalten, klar ist bisher nur, dass er um die 20 Jahre alt ist, Carlo heißt, bei der Stuttgarter Zeitung als Grafiker gearbeitet hat und schon jetzt mehr Facebookfans als Bushido hat. Weiteres in der Cro-Video-Biografie.
Rap + Pop = Raop. Was macht seine Musik aus? Auf der einen Seite sind das die eingängigen Popeinflüsse in den Beats, die einfach gute Laune verbreiten. Dazu kommen die Mainstream-affinen Texte des Stuttgarter Rappers, die noch mehr gute Laune verbreiten. Plötzlich ist es in den Klassenzimmern wieder cool, deutschen Rap zu hören und auch Mama feiert das, was wiederum zu noch viel mehr guter Laune führt. Alle haben sich lieb, keiner eckt an.
Doch auch Musiker wie Ahzumjot, Rockstah oder der noch etwas unbekanntere Sam (Sam auf Facebook) profitieren vom Hipsterhype. Während sich Rockstah noch in der Nerdschublade versteckt und über Games und seinen nicht vorhandenen Freundeskreis rappt, sind Sam und Ahzumjot schon angekommen im Hipsterkosmos. Immerhin verdiente Rockstah amtliche Summen, als Homie Cro T-Shirts aus seiner Collection im Easy-Video tragen ließ. Wer sind die Vorreiter? Die deutschen Native Tongues und Outkast? Die Vorreiter für anti-aggressiven, poppigen Rap sind Jan Delay und Fettes Brot. Die deutschen Pharrells und Kanyes? Die Orsons. Schon bevor Four Music mit Marsimoto (Rap + Electro) und Casper (Indie-Rock-Emo-Hipster) den Trend bedienten, leisteten Kaas und Co radikale Pionierarbeit für bunte Freundlichkeit. Nur gerecht, dass ihr Label Chimperator jetzt durch Cro ganz vorne mitmischt.
Was genau steckt hinter Cro? Zunächst einmal eine perfekt geplante Marketingstrategie, die Hipster-Trends aufgreift, bei den Grafiken anfängt und bei der Beatauswahl aufhört. Cro ist ein Hybrid aus allen möglichen Trends der letzten Jahre. Sepia-Effekt im Video zu Du á la Lana Del Rey, Maskierung á la Electro-DJ, umgedrehtes Kreuz auf der Pandamaske á la OFWGKTA (und vier Millionen Hipstern weltweit), BMX-Fahrräder á la The Cool Kids, Skateboards á la Pharrell und das Model aus dem Easy-Video, das an Mac Miller-Videos erinnert. Hätte das Video auch ohne die Frau, die Sneaker, die Bikes und die Location den Erfolg gehabt? Ganz bewusst wird hier der Zeitgeist der Jugend aufgegriffen, um das Produkt zu verkaufen. Gut, auch wenn die roten Becher, die an Surp-Styros erinnern, übers Ziel hinausschießen: Cro rennt wahrscheinlich wirklich so rum wie die Mädels im Video, er skatet auch ein bisschen und auch den Rest des Zeitgeists lebt er. Aber irgendwie steckt hinter dem ganzen Projekt nichts Eigenes! Seit die Welt Internet hat und alles digitalisiert ist, ist der Remix der beliebteste Ausdruck von Kreativität. Und was sagt Hiphop dazu? Wenn ein Remix nichts Neues bringt, ist es Biten. Wenn doch, ist es Hiphop. Deutscher Straßenrap bedient sich bei den Franzosen, deutscher Rap-Rap bei den Amis. Hm.
Mehr Cro-Kritik: Aussage vermisst man in seinen Texten gänzlich. Es werden Partys berappt, Frauen und Alkohol sind das Thema. Nichts Tiefgründiges, schließlich soll es ja die breite Masse ansprechen. Seine Lyrics sind ohne Substanz und radiokompatibel, angepasst an die naive Hörerschaft. Oder ist das legitim, weil er, wie Cro im Interview sagt, einfach ein "unbeschwerter" Typ ist? Weil der Hipster-Zeitgeist generell nichts ernst nimmt, sich von allem distanziert und in Feierei flüchtet? Dass er den Zeitgeist repräsentiert, muss ja nicht rein kommerzielle Berechnung sein.
Trotz des Hypes laufen Cro und Co gerade Gefahr, vom Medien-internen Sellout ausgeschlachtet zu werden. Wie es nun mal so üblich ist, stürzen sich die großen Musikkonzerne auf aktuelle Hyperapper – es droht die mediale Überreizung. Hipster wollen immer einen Schritt voraus sein. Um einem echten Hipster zu gefallen, ist Cro zu schnell zu erfolgreich geworden. Den kennt ja jeder, wie uncool! Schon jetzt polarisiert Cro, es tun sich diverse Parallelen zu den frühen Aggro Berlin-Anfängen auf, die zuerst jeder gefeiert – und anschließend niemand mehr hören konnte, da sie einfach überall gegenwärtig waren. Nur, dass der Prozess bei Cro nicht länger als zwei Wochen dauerte. Im Gegenteil zu den aktuellen US-Newcomern, die ein wenig Hipster in (Straßen-)Rap einfließen lassen, mischt er Rap 50/50 mit Pop. Kein Wunder, dass da viele Angst um ihr musik-kulturelles Wohnzimmer bekommen. Wenn plötzlich Mama zum Panda knuddeln auf der Couch Platz nimmt, fühlt man sich fremd in den eigenen vier Wänden. Der Panda muss weg. Oder kann Rap von Celo & Abdi bis zu Cro reichen, ohne zu zerreißen? Halten wir den Stretch aus? Wir glauben schon. Als wir als wohl erstens großes Magazin über Kool Savas berichteten, hieß es, er zerstöre mit seinen Lutsch-mein-Schwanz-Lyrics Rap. Als Aggro Berlin aufkamen, haben wir uns gefragt, ob so viel Gewaltverherrlichung tragbar ist, und haben die Berichterstattung erst mal ausgesetzt. Zuletzt ging bei Haftbefehl die Welt unter. Und der Laden steht immer noch.
Zugegeben: Cros Musik passt perfekt zum Sommer. Weichgespülter Pop-Rap mit Samples aus den erfolgreichsten Soulliedern der Vergangenheit oder neuerem Indie. Es wird sich bald zeigen, ob Cro den Sprung vom overhypten Nachwuchsrapper zum gestandenen Vollblutmusiker schafft oder ob ihn das Aggro Berlin-Phänomen von Wolke 7 dropkickt. Bis es jedoch so weit ist, bewerfe ich auch weiterhin meinen Mitbewohner – seinerseits stolzer Hipster mit prächtigem Bartwuchs – mit Bechern und spucke in sein Müsli. Wie gesagt, als Hipster hat man es nicht leicht.